Was tun, wenn das Gehäuse defekt ist oder schlicht und einfach total vergilbt? Kann man damit noch was anstellen? Ist der Keller- oder Dachboden-Fund wirklich nur noch Schrott? Bei weitem nicht, so meine Meinung dazu… Gilt nicht nur Amiga Gehäuse.

Aus Alt mach Neu: Gehäuse-Restaurierung

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Viele Amiga-Fans kennen das sicherlich. Nach langer, langer Zeit holt man seinen alten Amiga aus dem Keller und schaut ganz bedröppelt auf das vergilbte Gehäuse (oder Tastatur). Und schon ist die Freude getrübt. In diesem Beitrag wollte ich kurz auf die Möglichkeiten der Restaurierung eingehen, die ich mittlerweile auch selbst schon zum Teil durchgeführt habe. Manche sind recht kostspielig. Manche auch etwas destruktiv. Aber die Ergebnisse können sich am Ende dennoch sehen lassen. Eines vorweg – für Amiga Puristen ist nicht alles gut. Veränderungen am Gehäuse mag nicht jeder. Gerade Sammler sind eher auf den Original-Zustand aus. Aber wenn man nicht gerade zig Vitrinen gefüllt voller Amiga-Liebe im Domizil stehen hat, an denen sich ein Purist die Nase platt drückt, gibt es Mittel und Wege…

 

Lösung A: Retr0bright

Unter „Retr0bright“ (oder auch „Retrobrightning“) versteht man eine chemische Behandlung von Plastik mit Wasserstoffperoxid. Diese Chemikalie kennt man größenteils aus der Anwendung des Haare-Färbens (Blondierung) aber auch im Bereich der Hygiene (und Medizin) wird Wasserstoffperoxid angewandt – zum Beispiel zur Desinfektion oder Schimmelpilz-Entfernung. Was hat das jetzt genau mit dem vergilbten Computer-Gehäuse zu tun? Dieses Zeug lässt sich in Form von einer Creme oder als Flüssigkeit auf die betroffenen Plastikteile auftragen (oder diese werden darin gebadet). Zur Aktivierung der Przedur werden die Teile in die Sonne gelegt und UV-Strahlung ausgesetzt. Geht auch  mit künstlicher Hilfe per UV-Lampe, dauert nur ggf. länger und kostet extra Energie. Anschließend werden die Teile ordentlich gewaschen und sollten nach einigen Stunden (oder Durchgängen) ihre alte Farbe wieder erhalten. Funktioniert tatsächlich gut, habe ich ebenfalls schon mit Kleinteilen ausprobiert (Tastatur-Caps, Maus-Gehäuse, etc.) und mich wirklich gewundert, wie toll das Ergebnis aussieht.

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Erste Versuche mit Key-Caps in einem Wasserstoffperoxid-Bad klappten schon ganz gut, aber…

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… besser geht es, wenn die Tasten/Teile nicht frei herum schwimmen, weil sie sich dann gegenseitig verdecken könnten.

Bei der Bestrahlung mit der Sonne ist es wichtig, dass die Kunststoffteile a) ordentlich bedeckt sind (am besten komplett unter „Wasser“) und b) von möglichst allen Seiten die UV-Strahlung abbekommen. Helfen können transparente Gefäße oder Gefäße, die reflektieren. Und man sollte die Gefäße drehen. Um die Teile unten zu halten, kann man sie temporär zum Beispiel mit Doppelklebeband unten festkleben.

Beim Bestreichen mit Creme werden die Teile mit transparenter Frischhaltefolie bedeckt, damit die Creme nicht vertrocknet. Ich persönlich habe noch keine Creme ausprobiert, da bisher die kleinen Teile mit der 12%igen Wasserstoffperoxid-Lösung (bekommt man bei Amazon zu kaufen, 5 Liter ca. 16 Euro) ordentlich sauber wurden. Der gröbste Gilb war weg.

Vorteile: Einfache Handhabung, bei Kleinteilen wenig Aufwand, günstige Peroxid-Lösung leicht zu bestellen.

Nachteil: Chemischer Eingriff, nicht ganz so umweltgerecht, man muss etwas auf Haut und Augen aufpassen und die Vergilbung kann nach ein paar Jahren wiederkommen. Bei größeren Teilen muss man etwas Aufwand betreiben, die Creme ist auch etwas teurer, als normales Wasserstoffperoxid als 12%-Lösung und es gibt eine größere Sauerei…

 

Lösung B: Oberflächenbehandlung mit Schleifpapier und anderen Werkzeugen

Diese Lösung ist leicht destruktiv und funktioniert nur mit Vergilbungen an Gehäusen, die keinerlei Labels oder sonstige Ausprägungen  haben. Auch an Tastatur-Caps funktioniert sie nicht, da man den Glanz/Schutz der Tastaturen abtragen würde und vor allem aber die Tastenbeschriftungen weg wären. Für einfache und nicht zu stark vergilbte Gehäuse ist es aber ein ganz brauchbarer, wenn auch handwerklich aufwendiger Weg. Zudem muss man sich schon etwas abrackern, um ein gutes Ergebnis zu erhalten. Ist das Gehäuse nicht zu sehr mit komplexen Mustern, Kühlrippen, Lüftungsschlitzen oder unzugänglichen Ecken und Kanten versehen, geht das super.

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Gerade an solchen Schriftzügen wie dem eingestanztem Amiga-Schriftzug ist der Vorgang schwierig bis hin zu unmöglich. Es hängt also stark vom Grad der Vergilbung ab, Aber mit viel Geduld und dem richtigen Werkzeug geht (fast) alles. Der eigentliche Nachteil dieser Prozedur ist aber, dass die Oberflächenstruktur des Gehäuses abgetragen wird. Es handelt sich zwar um wenige Micromillimeter, aber die „Textur“ ist dann weg. Vorteil dabei ist aber, dass jegliche kleinen Kratzer und Gehäuseverletzungen dabei ebenfalls verschwinden.

Für die Restaurierung durch Schleifen benötigt man verschiedene Stärken an Schleifpapier, angefangen von gröberer Körnung (80-120), über eine mittlerer Körnung (400-600) bis hin zu einer feinen Körnung (800-1000 und mehr) hin, die den letzten Schliff ergibt und dem Gehäuse einen weichen, samtartigen Touch verleiht.

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Man kann auch im Baumarkt Schleifschwämme nehmen, die besonders gut an Innenkanten funktionieren. Wickelt man Schleifpapier um ein Stück kantiges Holz, ist es – neben den eigenen Fingern und der Hand – ein sehr präzises Schleifwerkzeug. Härtere Maßnahmen kann man mittels Cutter-Messer ansetzen, gerade in kleinen Ritzen lässt sich grober Dreck und Vergilbung so entfernen/wegkratzen. Auch hier ist es eine Frage der Tools, die man einsetzt…

 

Alle Arbeitsschritte müssen mit viel Geduld und kontinuierlichem Einsatz erfolgen, damit das Ergebnis auch konstant aussieht. Wäre ja blöd, wenn man links die Vergilbung weg bekommt, aber rechts – wo keine war – die Gehäuseoberfläche dann sich anders anfühlt und auch aussieht (Glanz/Matt). Aufpassen muss man auch an Schriftzügen wie zum Beispiel die LED-Beschriftungen neben dem Amiga-Logo, die herausstehen. Schleift man die unvorsichtig ab, sind sie auf immer verloren und weg.

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Hier sieht man ein schönes Beispiel für eine partielle Vergilbung. Vor dem Schleifen auf jeden Fall Typenschild entfernen, sonst ist es direkt kaputt…

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Das Endergebnis lässt sich sehen. Die Vergilbung ist weg und das Gehäuse fühlt sich toll an – sieht aus wie neu! 🙂

 

Die Prozedur ist auch eine tolle Vorarbeit für ein anschließendes Modding des Gehäuses durch eine (außergewöhnliche) Lackierung. Natürlich kann man das Gehäuse einfach wieder in der Original-Farbe lackieren – wenn man diese findet.

Vorteile: Vorgang ohne Chemikalien machbar, relativ schnelles Ergebnis bei nicht zu starker Vergilbung. Andere Oberflächendefekte wie kleine Kratzer werden gleich mit entfernt. Arbeitsmittel sind sehr günstig (<10 Euro alles). Erzeugt ein sehr weiches und samtig sich anfühlendes Gehäuse und Oberfläche.

Nachteile: Destruktiver Vorgang, entfernt die Original-Oberflächentextur. Kann Gehäuse an sehr filigranen Stellen abtragen (Schriftzeichen, Logo). Kraft und Geduld notwendig, bei stark vergilbten Gehäuse nicht unbedingt die beste Lösung, ggf. als Kombination von Schleifen und Retr0bright möglich.

 

Lösung C: Lackieren oder Blamieren

Für viele sehr beanspruchte Gehäuse oder Gehäuse mit größeren „Verletzungen“ die finale Lösung. Wenn man mit Retrßbright und Sandpapier nicht mehr viel retten kann, dann bleibt nur noch die Lackierung und vorherige Aufbereitung des Gehäuses. Viele alte Amiga Rechner werden mit Defekten verkauft, wie zum Beispiel abgesplitterte Kanten, dilettantisch ins Gehäuse geschnitzte Öffnungen oder vor Jahrzehnten angebrachte Schalter-Öffnungen. Wer das heute so nicht mehr  haben möchte, muss zu weiteren Mitteln greifen, bevor das Gehäuse final lackiert wird. Ich erkläre das am Besten an einem Fall eines A600 Gehäuses, welches ich komplett restauriert, aber am Ende doch final lackiert habe.

Gekauft habe ich es bei eBay und auf dem Foto in der Auktion sah es noch nicht so schlimm aus. Aber Zuhause merkte ich schnell, wie der Vorbesitzer dort gewerkelt hat…

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Wie man schön sehen kann, wurde am Gehäuse-Rückteil über beide Gehäuse-Hälften hinweg ein Loch reinge“dremelt“. Schön ist anders. Lösung war hier zunächst den Schaden zu beheben, in dem Füll-Material eingefügt wird und nahtlos mit dem Gehäuse verklebt und im Anschluss durch Schleifen „unsichtbar“ gemacht wird.

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Nach Ausbau der ganzen Elektronik wird zunächst der Gau am Gehäuse sichtbar.

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Mit passend zugeschnittenem Stück Plastik in ähnlicher Farbe und Epoxid-Klebstoff (Zwei-Komponenten-Kleber) sowie mit UHU Power-Kitt (Repair All Universal Knetmasse, die nach wenigen Minuten aushärtet und extrem gut haftet), konnte ich mit den Schleifarbeiten beginnen. Neben dem Schleifpapier sind dann auch noch weitere Tools und Werkzeuge nötig, um die Arbeit zu vervollständigen.

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Diese Tools werden aber nur in äußerst hartnäckigen Verletzungen des Gehäuses eingesetzt. Werden zum Beispiel alte Bohrlöcher ausgebessert oder fehlende Plastik-Teile und -Stücke nachgefräst und wieder eingesetzt, muss vor dem Lackieren die Oberfläche perfekt sauber und glatt sein…

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Das erste Ergebnis nach einigen Durchgängen kann sich sehen lassen. Auch wenn es im ersten Moment so aussieht, als wären die Übergänge noch mit einem spürbaren Abstand versehen, täuscht es. Der Epoxid-Kleber füllt es gut aus, ist leider nur sichtbar. Und dadurch, dass die Farben des Kunststoffes leicht unterschiedlich sind/waren, hebt sich die Reparatur natürlich auch optisch ab. Haptisch ist aber alles eben und glatt. Jetzt kann man sorgenfrei lackieren… 🙂

Für die Lackierung verwende ich am liebsten Auto-Lack aus dem Tuning-Bereich. Dieser Lack ist zwar etwas teurer im Einkauf, dafür aber viel präziser und feiner – und insbesondere viel widerstandsfähiger. In mehreren Durchgängen (4-5) dünn aufgesprüht und im Anschluss mit ebenso weiteren 2-3 schützenden Lackierungen mit Klarlack, wird das Gehäuse zu einem Hingucker. Bisher habe ich mich immer für Lacke mit matter Oberfläche entschieden. Das ist aber Geschmackssache – genau so wie die Farbe. Wichtig ist auch hier, dass man es mit viel Geduld und Zeit durchführt. Denn der Lack darf nicht zu dick in den Schichten aufgetragen werden, sonst verläuft er und es gibt unschöne Effekte an den Rändern (Tropfenbildung oder unregelmäßige Schichtenbildung).

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Fasst man zu früh das lackierte Gehäuse an, können Fingerabdrücke oder Schmutzpartikel kleben bleiben. Wichtig ist also auch, wo man lackiert und auch wie. Sprühdosen müssen sauber gehalten werden (Sprühkopf immer nach Durchgang reinigen, in dem man die Dose auf den Kopf stellt und kurz irgendwo hin sprüht, damit kein Lack im Sprühkopf stecken bleibt). Staubfrei sollte es natürlich sein, damit nichts am frischen Lack kleben bleibt. Es gibt nichts ärgerlicheres als Haare, die man im Anschluss an die Lackierarbeit auf dem Gehäuse findet. Empfehlen kann ich eine sogenannte „Paintbox„, die man sich aus einem großen Karton basteln kann. Und auch ein Mundschutz und Handschuhe sind nicht zu verachten.

Übrigens: Sollte sich nach dem ersten Lackierdurchgang herausstellen, dass etwas am Gehäuse noch nicht stimmt (oder man hat unerwünschte Farb-Punkte oder -Tropfen auf dem Gehäuse), ist nach der Aushärtungszeit des Lackes noch ein erneutes Ausbessern und Anschleifen möglich. Die nächste Schicht sollte dann wieder perfekt aussehen.

Zurück zu meinem Beispiel: Bei der Lackierung entschloss ich mich zu einer ganz anderen Farbe. Ich habe mir schon immer einen dunklen Amiga gewünscht. Aus dem kleinen und kaputten Amiga 600 wurde dann eine kleine, anthrazit-farbene „Höllenmaschine“…

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Diesen Mod erkläre ich genauer in einem anderen Artikel… 🙂

 

Fazit

Schaut man also auf die Möglichkeiten, so sind diese stark davon abhängig, was man wirklich möchte. Es gibt auch heute noch Original-Gehäuse zu kaufen (für den Amiga 1200 gibt es noch welche, wenn auch diese nicht mehr von Commodore selbst sind, sondern die der Escom-Ära. Hin und wieder kann man bei eBay ein gutes Ersatz-Gehäuse erwerben, wenn man Glück hat – und die Auktion gewinnt. Denn gute und saubere Gehäuse sind wirklich gefragt. Genau so wie saubere und intakte Tastaturen. Gerade bei den Amiga-Geräten aber auch bei ATARI sind viele Gerätschaften noch im Umlauf und in der Benutzung. Man sollte also abwägen, ob man den Aufwand einer Restaurierung auf sich nehmen möchte, oder ob man doch den pragmatischen und einfachen Weg eines Neukaufs auf sich nimmt. Beides hat Vor- und Nachteile. Für mich habe ich entschieden, dass ich lieber es selbst versuche ein Gehäuse (oder andere Teile) des Retrp-Computers zu restaurieren. Das macht Spaß, ist eine kleine Herausforderung und das Ergebnis und Gefühl danach ist meistens toll.

Zu den Amiga Geräten speziell noch ein paar Informationen:

  • Die Gehäusefarbe des A500 ist NICHT weiß, sie war schon immer leicht beige und kein echtes Weiß/Grau!
  • Commodore hat mit verschiedenen Kunststoff-Sorten unterschiedliche Chargen an Geräten gebaut, somit fallen gerade die Unterschiede zwischen zum Beispiel einem A500 und einem A600 deutlicher aus. Während der A500 leicht „gelblich“ erscheinen könnte, wirkt ein sauberer A600 nahezu weiß. Dies trifft auch für die A1200 und A4000 zu, diese sind ebenfalls deutlich heller/weißer, als ihre Vorläufer.
  • Neben der Farbe sind auch typische Defekte am Gehäuse der A600 und A1200 Serie der Fall. So brechen dort die hinteren Plastik-Haltenasen im Gehäuse-Inneren oft ab. Diesen Schaden kann man leider nicht einfach beheben.
  • Oftmals findet oder bekommt man alte und gebrauchte Geräte mit weniger oder mit falschen Gehäuseschrauben. Diese Schrauben lassen sich nicht einfach im Baumarkt kaufen, da sie nicht zu den üblichen Formaten gehören. Es gibt Anbieter wie Amiga Kit aus den UK, die solche Schrauben zu etwas nicht ganz so moderaten Preisen verkaufen. Es lohnt sich aber ein paar davon auf Reserve zu haben,
Amiga Gehäuse restaurieren

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