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Unter allen Amiga Computern, die in der legendären Heimcomputer-Ära erschienen sind, wurde der A600 von Amigianern völlig abgestraft. Zurecht? Nein, finde ich absolut nicht. Mittlerweile avanciert der A600 zu einem schönen, kleinen Gerät, mit genug Power und Möglichkeiten einer Retro-Game-Machine. Bevor ich aber den A600-Mod erkläre, lasse ich dieses recht gute Video über die Vor- und Nachteile des A600 sprechen. Denn es bringt es auf den Punkt, warum der A600 zu Unrecht „das schwarze Schaf“ der Amiga Familie sein soll…

Wie man im Fazit des Videos hören kann, ist der A600 heute kein Fehlgriff mehr. Und was man aus dem A600 machen kann, zeige ich in diesem Beitrag anhand meines A600-Mods…

Die kleine Höllenmaschine

Nun, wie man schon am Eingangsbild sehen konnte, der Artikel dreht sich um einen modifizerten A600. Der Purist wird es hassen, weil sowohl am Gehäuse, wie auch am Setup einige Änderungen vorgenommen wurden (und noch werden). Natürlich ist es nur eine von vielen Möglichkeiten dem A600 etwas Beine zu machen und ihn zu erweitern. Denn mittlerweile gibt es eine kleine Fan-Gemeinde, die an diesem kleinen Low-Cost-Amiga Spaß hat und neue Hardware entwickelt – wie zum Beispiel die Vampire II Turbokarte…

Aber zurück zum eigentlichen Projekt.

Am Anfang war es ein kleiner Schrotthaufen

Wie bereits in Beitrag zum Thema „Gehäuserestaurierung“ geschrieben, habe ich als Basis für diesen Mod einen recht defekten Amiga 600 bei eBay ersteigert. Das Gehäuse war relativ stark beschädigt, vergilbt und zerkratzt. Das Case-Badge (Typenschild) war verkratzt, die Tastatur vergilbt. Im Inneren wurde auch ein wenig gewütet, der eingebaute CF-Cardreader ziemlich dilettantisch eingebaut. Ein paar Vorher-Bilder sprechen für sich:

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Verzogenes Floppy-Drive

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Ausgeschnittenes Gehäuseteil für die Anbringung des CF-Cardreaders…

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Das Mainboard wurde re-capped (Elkos neu aufgelötet) mittels Hole-Through-Kondensatoren. Funktioniert zwar, aber ist eigentlich nicht so ganz die feine Sache. Zudem sehr unsauber gearbeitet wurde…

Weiterhin sind alle Haltenasen abgebrochen und völlig falsche Schrauben für das Gehäuse verwendet worden. Einige Kratzer und Katscher hatte das Gehäuse auch, samt leichtem Gilb auch auf der Tastatur. Das war der Status-Quo…

Los geht’s

Als aller erstes habe ich das komplette Gerät in Einzelteile zerlegt und mich um das Gehäuse gekümmert. Den Prozess der Gehäuse-Aufarbeitung habe ich im Detail bereits beschrieben, ergo springe ich direkt zu der Lackierarbeit und den Besonderheiten des neuen Gehäuses.

Weiterhin habe ich überlegt, wo ich den CF-Cardreader neu platziere, ohne ihn aufdringlich aussehen zu lassen, aber dennoch die Möglichkeit, ohne das Gehäuse öffnen zu müssen an die CF-Karte zu gelangen. Ich habe mich hierzu dazu entschlossen die Karte über dem PCMCIA-Slot einzubauen und habe dort einen Cut in das Gehäuse durchgeführt, der exakt für das Einschieben der CF-Karte in das Innere des Gehäuses ausreicht. Nachdem diese Sache sauber erledigt war, widmete ich mich einer Besonderheit, die den Mod exklusiv erscheinen lässt.

Da ich nicht übertreiben, dennoch einen Hingucker haben wollte, habe ich mir eine schöne Sache mit dem Amiga-Logo (Typo) überlegt – sie sollte leuchten. Natürlich ist das nicht so einfach, als würde man nur eine Lampe dahinter klemmen. Denn das Logo ist ja in das Gehäuse eingestanzt und nicht transparent. Also habe ich in sehr geduldiger und aufwändiger Arbeit jeden einzelnen Buchstaben im Gehäuse innen ausgeschnitten. Der Vorgang hat mehrere Tage gedauert, da ich mit größter Vorsicht und vielen Arbeitsschritten vorgehen musste. Jede falsche Bewegung oder Schnitt hätte das Gehäuse an dieser Stelle zerstört. Mir ist zwar ein kleiner „Unfall“ passiert, diesen habe ich aber mit Hilfe von Epoxid-Harz und Powerkitt lösen können. Dem Proxxon sei Dank, die Sache hat am Ende funktioniert und nach etlichen Tagen und Stunden Feinarbeit, Glätten und Arbeiten unter durch die Lupe – um auch jeden Buchstaben ordentlich hin zu bekommen – konnte die Grundlackierung beginnen.

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Entschieden habe ich mich bei dem Lack für ein mattes Anthrazit. Auch wenn es auf diesem Bild bläulich wirkt (liegt am Lichteinfall), es ist in Wahrheit grau. Die Lackierung wurde in vier Durchgängen in einer „Paintbox“ durchgeführt. Angebracht wurden die Gehäuseteile auf Karton-Trägern, die dann in der „Paintbox“ eingeschoben und von allen Seiten regelmäßig lackiert wurden.

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Nach mehreren Durchgängen manifestierte sich der Lack zu einer monochromen und matten Augenweide… Während der Trockenphasen habe ich mich um die Innereien des Gerätes gekümmert und diese überprüft.

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Obwohl das Gerät technisch einwandfrei lief, wollte ich das Mainboard nicht in diesem Zustand lassen. Zudem waren einige Erweiterungen geplant und alles sollte sauber und ordentlich verlötet und verlegt sein. Daher habe ich ein Recap durchgeführt und Kerkos eingelötet. Es herrscht zwar eine Art „Glaubenskrieg“ zwischen den Spezis, ob man doch nicht lieber Becher-Elkos, Folien-Elkos oder doch Kerkos nehmen sollte, am Ende geht es doch aber darum, dass alles halbwegs gut funktioniert. Ich bin jetzt kein Elektroniker mit dem Sachverstand eines Hardware-Entwicklers, aber wenn Kerkos das gewünschte Ergebnis liefern, dass der Rechner noch viele Jahre lang lebt und funktioniert, dann ist es mir Recht… Es gibt zwar eine Sache, die mittels Kerkos zu einem Problem werden kann (Composite-Ausgang liefert unter Umständen kein stabiles Bild mehr und die Farben „flackern“), das war aber in meinem Fall einkalkuliert…

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So geschehen, die „alten“ Elkos alle runter, die neuen Kerkos drauf.

Was sonst getan wurde:

  • HF/RF-Modulator ausgelötet, um Platz für einen VGA-Output zu bekommen (außerdem nützt der nichts mehr und verschwendet Strom)
  • Recap mit Kerkos durchgeführt
  • Komplettes Board gereinigt und geprüft
  • Kickstart 3.x eingebaut
  • LED-Mod an Status-LEDs durchgeführt, Power = Blau, Floppy = Gelb, HDD = Rot

Zwischenstand

Das Gehäuse war mittlerweile getrocknet und komplett lackiert. Auch eine Schutzschicht aus Klarlack (matt) wurde aufgesprüht. Jetzt ging es an die Details, wie zum Beispiel die Beleuchtung des Amiga Logos. Auch ein neuer Case-Badge, der per Auftrag für mich angefertigt wurde, konnte endlich platziert werden.

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Wie man sehen kann, passt der Case-Badge für den künftigen Commodore A600 CF perfekt. Auch der Platz für den CF-Steckplatz ist meiner Meinung nach perfekt gewählt.

Für die Logo-Hintergrundbeleuchtung wählte ich einen LED-Stripe in Rot, welcher mit 5V betrieben werden kann. Diese gibt es sehr günstig bei eBay. Abgezweigt habe ich den Strom entsprechend vom Molex-Anschluss am Floppy-Laufwerk.

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Der LED-Stripe wurde auf einer roten Acryl-Trägerplatte, welche genau hinter dem Amiga-Logo angebracht wurde aufgeklebt und versiegelt. Dadurch strahlt das Licht nur in Richtung der roten Acryl-Platte, welche das Licht homogen durch die Buchstaben leuchten lässt.

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In Kombination mit dem Anthrazit und der blauen Power-LED ein sehr schönes, ungewöhnliches und modernes Bild. Und bevor jemand fragt – ja, ich  möchte auch die Tastatur irgendwann gegen eine schwarze austauschen. Aber dazu müssen die Caps erst einmal verfügbar sein.

Was noch im Inneren passierte…

Wie bereits beschrieben, wurde der CF-Cardreader seitlich über dem PCMCIA-Slot ausgeführt und eingebaut. Der Einbau war dort zwar ein wenig „tricky“, aber es hat funktioniert.

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Um das IDE-Kabel sauber zum benachbarten IDE-Port zu bekommen, habe ich es „zerpflückt“ und so einfach umbiegen können. Flachband-Kabel sind nicht gerade in alle Richtungen gut flexibel, ergo war dieser Schritt  notwendig. Weiterhin ist der CF-Cardreader mit einer Plastik-Schiene am Gehäuse befestigt. Leider ist auch hier nur ein irreversibler Weg möglich, eine einfache und wieder lösbare Verschraubung ist leider nicht möglich. Ergo blieb nichts anderes übrig, als Epoxid-Kleber. Dafür hält es super.

Natürlich sind einige andere Veränderungen im Inneren des Gerätes passiert, die dem kleinen Amiga Beine machen sollen. Neben dem Kickstart-Austausch habe ich dem A600 eine Speichererweiterung von Indivision A604n verpasst , welche gleichzeitig ein Riser-Board für den Indivision ECS Flickerfixer/Scandoubler mitbringt.

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Dieser Flickerfixer hat den Vorteil, dass ein VGA-Output gleich dabei ist, welchen ich problemlos am Gehäuserückteil an Stelle des HF-Modulators einbauen konnte.

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Huckepack aufgesteckt auf das Riser-Board (A604n) ist dieser schnell in Betrieb genommen. Nicht gut sichtbar auf dem Bild ist noch die Realtime-Clock als Modul vom A604n, welche für wenig Geld dem A600 eine Echtzeit-Uhr verpasst. Auch das VGA-Kabel des Indivision ECS Flickerfixers habe ich zerpfückt und so schöner durch das Gehäuse führen können.

Ordnung muss sein 🙂

Die nächste (und größte) Veränderung am A600 ist die Turbo-Karte Indivision ACA620EC.

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Aufgesteckt wird die Karte als Huckepack-Karte auf die bestehende CPU. Um eine stabile Haltung zu gewährleisten wird die Karte mittels Halteschrauben und einem Abstandsstift zusätzlich an das Mainboard befestigt. Von der ACA620EC geht noch ein Jumper-Kabel (gelb/weiß), welches in Kürze in einem Gehäuse-Schalter enden wird. mit diesem wird sich dann die Karte temporär auch deaktivieren lassen, ohne das Gehäuse-Innere öffnen zu müssen.

Auf der ACA620EC ist ein passiver Kühlkörper noch von mir angebracht worden. Letzte Temperaturmessungen haben aber ergeben, dass durch die Enge im Gehäuse und den Betrieb bei Last die Karte recht schnell warm wird. um Schäden zu verhindern, wird künftig noch ein (abschaltbarer) Gehäuse-Lüfter eingebaut. Dies ist noch in Planung…

Eine kleine weitere Veränderung ist noch die Verlängerung der LED-Kabel für die Status-LEDs. Früher war das Kabel gerade mal 5 cm lang, was beim Öffnen des Gehäuses öfters dazu führte, dass man sehr fummelig den Stecker ziehen musste. Ich habe das Kabel einfach verlängert, was das Öffnen des Gerätes nun viel angenehmer gestaltet.

In der Summe besitzt jetzt der A600 folgende Komponenten mehr:

  • Indivision ACA620EC Turbokarte mit 10,5 MByte FastRAM und MapRom-Funktion
  • Indivision A604n Speichererweiterung auf 2 MByte ChipRAM
  • Indivision ECS Flickerfixer/Scandoubler mit VGA-Output
  • Indivision Realtime-Clock Modul
  • CF-Cardreader (4GB)
  • Kickstart 3.x

Damit lässt es sich jetzt leben. Für eine harmonische Zusammenarbeit habe ich neben dem A600 noch eine moderne Commodore Amiga Maus lackiert und einen passenden (alten) Sony 15″ TFT Monitor ebenfalls auf die Farben des A600 getrimmt. Der Paint-Job ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber das Set lässt sich jetzt sehen. Kaum zu glauben, dass schon 30 Jahre vergangen sind, die Hardware sieht immer noch top aktuell aus. Ich lasse ein paar Bilder für sich sprechen…

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Der Mod ist noch nicht abgeschlossen. Ich werde weiter berichten, bis das der Fall ist.

Dinge, die noch zu erledigen sind:

  • Lüfter für CPU einbauen
  • Schalter-Reihe für interne Funktionen einbauen (Turbo on/off, Lichteffekt on/off, Lüftung on/off)
  • Gehäuse-Stabilisierung (defekte Haltenasen reparieren, Gehäuseschrauben tauschen)
  • Maus-Tuning (Lackierung abschließen + Commodore Badge)
  • Monitor-Tuning (Lackierung abschließen + Amiga Badge)
  • WHDLoad komplett aufsetzen

Update 25.06.2016

Heute mache ich weiter an der Maus. Nochmal zerlegen und die Lackierung mit der letzten Schicht finalisieren, bevor das Badge drauf kommt und die letzte Schicht Schutzlack. Hier sieht man nochmal schön, aus wie vielen Teilen der Maus-Korpus besteht. Bei den Tasten muss man etwas vorsichtig sein, die sind mit dem Top-Gehäuse normalerweise verschmolzen (und verklebt). Mit einer kleinen Fräse über den Proxxon-Bohrer kann man die Punkte „aufbohren“ und die Tasten vom Korpus lösen.

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Übrigens, die Gleit-Pads werden am Ende des Lackierens wieder freigekratzt bzw. freipoliert. Bei dem Verschluss für die Mauskugel sollte man beachten, dass dieser nicht zu stark lackiert wird – wenn überhaupt. Denn ist da eine dickere Lackschicht drauf, lässt er sich nicht mehr so einfach drehen, dann hilft nur noch Mausgehäuse aufschrauben.

 

Der Amiga 600 Mod

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